Auch Euch steht eine ähnliche Entwicklung bevor
– Ein Klassentreffen nach 60 Jahren –
Am 18. 4. 2026 geschah in Neuwied etwas wohl Einmaliges: Eine Schar ehemaliger Schüler des Abiturjahrgangs 1966 des damaligen ‚Neusprachlichen Gymnasiums für Jungen Neuwied’ feierten das 60-jährige Abiturjubiläum. Herr Pfefferkorn führte uns dankenswerterweise durch die Schule, welche, insbesondere was den Sportbereich betrifft, deutlich gegenüber früher erweitert worden war. Der Pfefferkornschen Bitte nach einem Bericht über unsere Schulzeit kommen wir gerne nach.
Wir lebten in der Zeit der Beatles, der Miniröcke, der hot pants, der Bikinis und der beginnenden Empfängnisverhütung. „Tanzstunde“ fand selbstverständlich für Mädchen aus der Untersekunda des Lyzeums und Jungen aus unserer Obersekunda statt.[…]
Unser Jahrgang war in vielen Details ein Sonderfall:
- Wir waren die ersten, die in der Sexta Englisch statt Französisch als erste Fremdsprache erlernten.
- Wir waren die ersten, die in dem neuen Fach Gemeinschaftskunde Unterricht erhielten.
- Wir waren die ersten, die in den Primen ein Wahlpflichtfach aus dem Bereich Kunst und eines aus dem Bereich Naturwissenschaften auswählen mussten.
- Wir waren die letzten, die an Ostern ihr Abitur absolvierten. So nannten wir uns „Die letzten Osterküken“.
Anderes war geblieben:
- Wir waren eine reine Jungenschule.
- Es gab eine Aufnahmeprüfung.
- Der Samstag war Schultag mit allerdings nur vier Schulstunden.
- Für den Wohnort der Lehrer galt das Residenzprinzip; das war vorteilhaft für Klassentreffen.
- Außer der dritten Fremdsprache konnte zum Abi kein Fach abgewählt werden.
- Es gab keine zeitliche Begrenzung bezüglich des Inhaltes einer Prüfung (ich wurde beispielsweise im mündlichen Abi über mittelhochdeutsche Dichtung geprüft).
- Die Fächer der mündlichen Prüfung wurden erst am Prüfungstag mitgeteilt.
Da unsere Klasse in der Quarta Latein gewählt hatte, kamen alle Sitzenbleiber von oben in die Parallelklasse, weshalb wir bis zur Oberprima außer Abgängen kaum Änderungen erfuhren.
Zur meiner persönlichen Statistik: In der ersten Klasse der Volksschule im Jahr 1953 waren wir 62 Schüler, 10 machten die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium, 7 bestanden sie, und ich war der einzige von diesen, der ohne Klassenwiederholung das Abi an unserer Schule machte.
Schulpsychologen waren nicht nötig, es gab keine Smartphones, man verabredete sich in der Schule und war grundsätzlich pünktlich.
Schüler, die bei einem Diebstahl erwischt wurden, mussten die Schule verlassen; das kam bei uns einmal vor. Bei Kameradendiebstahl, der nie vorkam, wäre der Verweis von allen Schulen des Landes erfolgt.
In der Oberprima organisierte unser Schulleiter, Herr Dr. Schier, eine Philosophie-AG; zu dieser trafen wir uns in wechselnden Lokalitäten außerhalb der Schule.
Durch unsere zeitliche Konsistenz und auch, weil wir viele Lehrer über einen langen Zeitraum hatten (Mathe, Bildende Kunst und Sport 7 Jahre, Englisch und Latein 5 Jahre), und weil unsere fachlich sehr qualifizierten Lehrer auch ein gutes Verhältnis zu uns hatten, das über die Schulzeit hinaus anhielt, trafen wir uns jährlich am 27.12. und seit etwa 1992 sogar viermal im Jahr. Alle unsere ehemaligen Lehrer und auch 7 unserer ehemaligen Kameraden sind inzwischen verstorben.
Nun einige Anekdoten aus unserer Schulzeit:
Die erste ist eng verbunden mit einem unserer markantesten Lehrer, Herrn Hauröder (Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde): Es war wohl in der Untertertia, als wir eine Lehrerin zur Ausbildung hatten, die mit uns nicht im geringsten klar kam. Die Ankündigung eines Wandertags ließ uns planen, wie wir diesen der jungen Kollegin verleiden konnten. Einen Tag vor dem Wandertag kam Herr Hauröder (ein ehemaliger Wehrmachts-Offizier) in der Fünf-Minuten-Pause in den Klassenraum und erklärte kurz und knapp ‚Morgen wandern wir. Wir treffen uns um acht an der Brückenauffahrt. Zieht feste Schuhe an und sagt der Mutter, dass ihr um 19 Uhr wieder zu Hause seid.‘
An jenem sehr heißen Tag ging es über die Brücke und weiter durch den Bims nach Bassenheim; dort Würdigung des Bassenheimer Reiters, und weiter über die Eiserne Hand (damals Gaststätte) zur Oberburg bei Kobern-Gondorf. Die Matthias-Kapelle dort (die einzige nördlich der Alpen in der Form der sixtinischen) wurde erklärt, dann den Kreuzgang hinunter zur Unterburg. Dort saßen wir nach knapp 18 km recht erschöpft auf der Mauer mit Blick auf den als Ziel vermuteten Ort Kobern-Gondorf, als Herr Hauröder erklärte ‚Jungs, es gibt zwei Möglichkeiten; entweder wir fahren zurück mit dem Zug oder wir wandern. Ihr seid 28, ich habe 29 Stimmen – wir wandern!‘ Als wir total kaputt nach insgesamt 35 km bei Hitze durch diese baum- und strauchlose Gegend gewandert waren, wobei Herr Hauröder uns immer wieder Ausgrabungsorte zeigte, an denen er Gegenstände aus der Römerzeit gefunden hatte, ging uns – mit Hauröders Worten – „der Arsch auf Grundeis“. Anderntags waren wir dennoch vollzählig wieder da. Wenn wir uns wieder einmal allzu widerwärtig benahmen, kam Herr Hauröder mit der Ansage ‚Jungs, ich glaube, wir wandern mal wieder nach Kobern-Gondorf‘, und wir waren schlagartig die bravsten Buben. Später waren wir auf diese Wanderung so stolz, dass wir sie noch viermal wiederholten – allerdings nur die halbe Strecke von lächerlichen 17,5km.
Ein anderes Mal hatten wir Latein bei Herrn Jung, einem hervorragenden, aber etwas ängstlichen Lehrer. Der im Vergleich zu dem recht einfachen Caesar anspruchsvollere Ovid ließ uns immer wieder nach Möglichkeiten suchen, den Unterricht ein wenig zu verkürzen. Da sich unsere Klasse in dem Raum über der Hausmeisterwohnung befand und vor diesem ein Birnbaum stand, der zwar unten gegen Katzen mit Stacheldraht gesichert, aber oben leicht aus dem Fenster zu erklettern war, begaben sich drei von uns auf diesen Baum in der Annahme, dass Ondula (wegen seines gewellten Haares Spitzname von Herrn Jung), wenn er dies sähe, uns einen Vortrag über die Gefahren des Kletterns halten würde, der mit Zwischenfragen 12, vielleicht sogar 16 Minuten in die Länge gezogen werden könnte. Was wir nicht wussten: Herr Jung war krank, und Herr Hauröder übernahm die Vertretung! Wir blieben klein geduckt auf dem Baum sitzen, konnten wegen des Stacheldrahtes nicht hinunter und harrten der mehr oder weniger fürchterlichen Dinge, die da kommen sollten….
Nach etwa 20 Minuten – es war wirklich sehr unbequem zu dritt auf diesem Bäumchen – streckte einer vorsichtig den Kopf über den Festersims. Es geschah zunächst nichts. Schließlich kam Herr Hauröder und schloss das Fenster.
Nach 45 nicht sehr angenehmen Minuten hofften wir auf ein Ende, wie immer dies auch aussehen sollte. Es war große Pause, der Pausenhof füllte sich, auch ein Aufsicht führender Lehrer erschien; ebenso erschien Herr Hauröder und rief seinem Kollegen zu „Alles in Ordnung, die Jungs üben für den Barras.“ Am Ende der Pause – wir saßen immerhin seit über einer Stunde auf diesem Birnbaum – ließ Hauröder uns einsteigen, klopfte jedem auf die Schulter und verabschiedete sich mit den Worten ‚Habt Ihr gut gemacht, Jungs!‘
Herr Jung verlangte zu Stundenbeginn des Lateinunterrichts stets eine saubere Tafel. Einmal war aus dem vorhergegangenen Mathe-Unterricht noch der Teil einer Hypberbel angezeichnet (2 Äste, die sich im Unendlichen schließen, aber im Endlichen keine Berührungspunkte miteinander besitzen). Ondula blieb in der Türe abrupt stehen, fragend „Was ist das?“ Antwort „Eine Hypberbel, Herr Studienrat.“ Ondula „Ich sehe zwei!“ Antwort „Dann sind Sie besoffen, Herr Studienrat!“. Der Protagonist auf Schülerseite wurde übrigens später MSS-Leiter unserer Schule :-)
Solche und ähnliche Anekdoten vergisst man nicht, und sie bilden auch immer wieder Grundlage nostalgischer Gespräche. Dazu gehört auch unser Klassenfilm, der ab der Quarta bis zur Unterprima auf Normal-8 gedreht, dann auf Super-8 kopiert, später digitalisiert und nachbearbeitet wurde. Wir verdanken diesen Film dem Glücksfall, dass Herr Ohs von Quarta bis Obersekunda unser Klassenlehrer mit den Fächern Englisch, Latein und Französisch war. Der Film hält Wandertage und Klassenfahrten fest, u. a. einen Wandertag, der uns zu dem heute nicht mehr vorhandenen Gasthaus auf dem Rittersturz geführt hatte, wo vom 6. bis 10. 7. 1948 die Rittersturz-Konferenz stattgefunden hatte, auf der über die Gründung der Bundesrepublik beraten und der Weg zum Grundgesetz vorbereitet wurde.
Was gibt es Weiteres zu vermelden? Die Noteninflation hatte noch nicht stattgefunden; Vorsemester gab es nicht. Mit einer 3 in Mathe auf dem Abi-Zeugnis konnte man ohne Probleme Physik und Mathe studieren. Es gab damals noch keine Pisa-Studien, aber wir waren auf einer wirklich guten Schule, der wir dafür über die Jahrzehnte hinweg heute noch dankbar sind.
Für die O1a des Jahres 1966: Christian Scherlenzky (Dipl.-Phys. und pensionierter Lehrer für Physik, Mathe, Informatik), durchgesehen und genehmigt von drei weiteren Kameraden, redaktionelle Bearbeitung für die Schulwebseite.





