„Gebt niemals auf, etwas zu lernen“ –
Zeitzeugenbegegnung mit Herrn Rudolf Müller
An der Tafel steht sein Name – in Sütterlin geschrieben. Schon dieser Moment schlägt eine Brücke in eine andere Zeit. Geboren 1931 in Neuwied-Irlich, gehört Herr Müller zu den letzten Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung vom Zweiten Weltkrieg und der schwierigen Nachkriegszeit berichten können.
In der Begegnung mit dem Geschichtsleistungskurs der Jahrgangsstufe 12 gewährt er eindrucksvolle und sehr persönliche Einblicke in seine Lebenserinnerungen.
Als Kind erlebte Rudolf Müller Unrecht und Gewalt ganz unmittelbar. Besonders prägend sind seine Erinnerungen an die Zerstörungen in der Neuwieder Innenstadt im Zuge der Reichspogromnacht 1938 sowie an die Abholung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Hinzu kommen Erlebnisse in Folge von Bombenangriffen auf Irlich: die Trauer um getötete Menschen im Bekanntenkreis, zahllose zerstörte Häuser.
Herr Müller beschreibt, wie sich seine zunächst kindlichen Wahrnehmungen und Eindrücke im Laufe der Zeit wandelten. Neben der rationalen Auseinandersetzung wurde die Verarbeitung des Erlebten auch auf Gefühlsebene immer wichtiger. Und gerade dieses Gefühl, so betont er, wirke bis heute nach.
Nach dem Krieg bestimmten Mangel und Improvisation den Alltag. Tauschhandel und ,,Hamsterfahrten“ prägten das Leben der Menschen und waren oft überlebensnotwendig. So tauschte er seine kleine Dampfmaschine gegen ein Paar alte, aber dringend benötigte Schuhe.
Auch die schulische Situation gestaltete sich schwierig. Weil Lehrer fehlten, fand für die Kinder nur eine Notbeschulung statt. Doch Rudolf Müller ließ sich davon nicht entmutigen, sondern entwickelte Eigeninitiative. Sein Interesse an Weiterbildung begleitete ihn ein Leben lang und so führte ihn sein beruflicher Weg vom Autoschlosser bis zum Programmierer.
Schon früh entwickelte Herr Müller politisches Interesse. Die Möglichkeit, in einer Demokratie mitzugestalten, war für ihn etwas Neues, aber von großer Bedeutung. Lange Jahre war er Mitglied im Stadtrat Neuwied. Dabei betont er, was ihm in der politischen Auseinandersetzung besonders wichtig ist: das Gegenüber nicht lächerlich zu machen und im Gespräch fair zu bleiben.
Mit Blick auf aktuelle Kriege äußert er sich nachdenklich und kritisch: ,,Die Menschheit hat nichts gelernt.“ Trotzdem zeigt er auf die Frage, wie er es geschafft habe, optimistisch zu bleiben, viel Zuversicht und Weisheit. Offenheit gegenüber anderen Menschen, egal, woher sie kommen, echte Zwischenmenschlichkeit und vielseitige Interessen seien ganz entscheidend. Auch Schicksalsschläge anzunehmen, gehöre immer wieder dazu.
Am Ende richtet er zwei eindringliche Appelle an die Schülerinnen und Schüler:
„Gebt niemals auf, etwas zu lernen.“
„Passt auf, die Demokratie ist viel wert.“
Seine Worte wirken als Mahnung, aber noch viel stärker als Ermutigung und lebendige Brücke zwischen den Generationen.
Text: Svenja Kupper
Fotos: Jonas Engelbert, Laura Tisson






