Erstklassisch in Weimar …

Weimar. Die Stadt der Dichter, der Künstler, der Poeten. Ein wunderschönes Städtchen von der Größe Neuwieds, nur vier Busstunden entfernt im weiten Osten Deutschlands.
Weimar. Natürlich, für uns, mehr als das. Weimar. Die Stadt der Cocktail-, Tapas- und Milchbars, die der nächtlichen Hotelflur-, und Zimmerpartys. Die Stadt der historischen Häuser, in denen jeder einzelne von uns nach einer Sitz- oder Anlehnmöglichkeit gelechzt hat.

Doch alles der Reihe nach. Donnerstagmorgen. Die letzte Karnevalsparty war gerade zu Ende gegangen, nur eine der über 30 Kulturinteressierten kam zu spät und unser cooler Busfahrer Hamid kreuzte mit seinem topmodernen Reisebus um die Kurve. Koffer rein, Lehrer und Schüler auch und schon ging es auf große Reise. Während Herr Wüst, unsere freundliche Reiseleitung, bald das Mikrofon für sich entdeckte, verbrachte die Schülerschaft ihre Zeit mit Schlafen (50%), dem Suchen des Abspülknopfes auf der winzigen Bustoilette (5%), Musik hören (30%) und Reiseführer lesen (10%). Der geneigte Leser sollte es bereits gemerkt haben: Mit Mathe haben wir uns natürlich nicht beschäftigt! (Okay. Nicht ganz richtig. Eine kleine Gruppe an Stimmungsmiesmachern mit türkischem Apfeltee im Gepäck hat tatsächlich die Busfahrt zum Lernen für das mündliche Abitur genutzt…)



Eine Rast später waren wir dann schon fast in Weimar.  So dachten wir jedenfalls! In Wahrheit mussten wir erst schweren Fußes die Wartburg für uns erobern, um danach durch beeindruckend eingerichtete Räume zu ziehen. Entsetzt mussten wir uns anhören, dass Luther gar nicht wirklich mit dem Teufel gekämpft hatte! So verging uns rasend schnell die Zeit und ehe wir uns versahen, gab Hamid sein Bestes, um den Bus vor dem Hotel abzustellen. Ein Hochleistungsradfahrer, nur für uns aus Mallorca eingeflogen, wartete schon gespannt vor dem Eingang auf unsere Ankunft. Nach einem leckeren Abendessen (Leider ohne Nachschlag!) schieden sich schnell die Geister: Ein Teil der Gruppe konnte es kaum erwarten, Germanys Next Topmodel zu schauen, während andere es sich auf ihren Zimmern bequem machten oder sofort schlafen gingen. Pünktlich um 11 waren dann auch die Nachtaktiven wieder aus der Innenstadt heimgekehrt, um sich per Telefon, Zettel-unter-der-Tür-durch-schieben, persönliches Erscheinen oder Hörensagen als Lebend anzumelden.

Dank der für Klassenfahrten im Vergleich riesigen, mit Dusche, WC & Fernseher eingerichteten Zweibettzimmer konnten alle frisch ausgeruht in den neuen Tag starten.

Knallhart wurden die Kurse getrennt, um uns Schüler ohne Hast durch die beeindruckenden Häuser von Goethe & Schiller zu führen, die zum Teil noch mit originalem Mobiliar eingerichtet waren. Durch die Räume schlurfend hielten wir an denselben Fenstern und vor denselben Schreibtischen, vor denen vor vielen, vielen Jahren auch ebenjene zwei Schriftsteller standen. Die Frage, in welches der beiden Wohnhäuser wir denn gerne einziehen würden, löste dabei heftige Diskussionen aus.

Gut gestärkt ging es nach dem Mittagessen dann in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek weiter im Takt. Die Bibliothek sollte zumindest vom Namen her jedem ein Begriff sein - 2004 fiel sie einem verheerenden Brand zum Opfer und ist danach aufwändig restauriert worden. Ohne Touristenführerin, dafür mit Audioguide, besichtigten wir den Rokokosaal der Bibliothek; meist mit dem Kopf im Nacken, um die optischen Täuschungen der Restauratoren näher zu betrachten.

Abends fuhr Hamid uns dann zum Weimarer Nationaltheater. Aufgeführt wurde ein den meisten bisher unbekanntes Shakespeare-Stück - „Sturm“. Wie so oft bei dieser Fahrt schieden sich nach der Vorstellung die Geister: Manchen gefiel die moderne Interpretation des Stückes, anderen wiederum sagte sie gar nicht zu. Viele amüsierten sich über die giggelnden Achtklässlerinnen in den hinteren Reihen, die übrigen waren sichtlich genervt. In einem waren sich aber wohl alle insgeheim einig: WO WAREN DIE GYMNASTIKBÄLLE??*

Die letzte Nacht brach an. Die sofortigen Heimkehrer ins Hotel konnten sich glücklich schätzen - Die meisten Nachtschwärmer wurden mangels Schirm und Regenjacke ziemlich durchnässt. Um 12 Uhr (nach etwas Gerangel um die Busfahrtkarten) waren natürlich alle wieder im Hotel.

Also alles in Ordnung? Nein! Wie schon in der Nacht zuvor schafften es wieder ein paar unserer Mitschülerinnen, ohne Schlüssel ihr Zimmer hinter sich zu lassen. Und wie schon in der Nacht zuvor musste die Hotelbesitzerin aus dem Schlaf geweckt werden, um sich wieder Zutritt zu verschaffen.

Da kam auch schon der letzte Tag der viel kurzen Fahrt. Nach einem ausgelassenen Frühstück mit Brot, Toast, Brötchen, allerlei Aufschnitt, Käse, 3 Müslisorten, 2 Joghurtsorten, Würstchen, Rühreiern und Säften mussten wir schon unsere Koffer und uns selbst in den Bus verladen. Quer durch die Stadt ging es mit dem Bus wieder an den Park an der Ilm, an dessen Rand sich der große Musiker Liszt vor vielen Jahren niedergelassen hatte. Die geschmackvoll eingerichtete Villa des großen Performance-Künstlers enthielt zwar die eine oder andere Büste zuviel, war aber dennoch sofort ein heißer Konkurrent für alle mehr oder weniger ernsthaften Immobilieninteressenten. Nach einer einstündigen Führung wurden wir dann für ein letztes großes (oder kleines) Mittagessen wieder in die Freiheit entlassen.



Weimar. Die Stadt des tollen Hotels, der tollen Frühstücke, der schönen Parkwege. Die der Theater ohne Gymnastikbälle. Die der Italiener mit Zimteis. Eine echt tolle Stadt!

23. – 25.2.2012

Elias Zervudakis / Christian Au

 

*Gymnastikbälle waren neben einem Filzschreiber die einzigen Requisiten in der Inszenierung von Sophokles’ „König Ödipus“ im Koblenzer Theater im vergangenen Jahr.